ASH 2025

Myelom-Risikostratifizierung im Wandel


In bisherigen ASH-Berichten habe ich versucht, die wichtige Vorträge ohne persönliche Einschätzungen zusammenzufassen. Diesmal ist es anders: Neben neuen Entwicklungen zur Hochrisiko-Risikostratifizierung beim Myelom möchte ich auch meine eigene Reise durch verschiedene Risikostufen mit euch teilen.

IMF und IMWG

Die International Myeloma Foundation IMF ist eine weltweite Organisation, die Informationsmaterial, Patientenschulungen und Forschungsförderung anbietet.

Die International Myeloma Working Group IMWG ist ein Zusammenschluss von Myelom-Expert:innen aus vielen Ländern und erarbeitet Kriterien und Empfehlungen zu Diagnose, Risikostratifizierung und Therapie, die in der klinischen Praxis häufig direkt in Behandlungsentscheidungen einfließen.

Die IMF und die IMWG spielen eine zentrale Rolle bei der Erforschung des Multiplen Myeloms und der internationalen Standardisierung von Diagnose- und Risikokriterien. Ärzt:innen nutzen Risikokriterien, um Therapiestrategien (z. B. Intensität der Induktion, Rolle von Transplantation, Erhaltungstherapie) besser an die Patient:innen anzupassen.

Aktuelle Definition des Hochrisiko-Myeloms

Das jüngste "IMS–IMWG Consensus Genomic Staging" zielt auf eine systematische Einteilung von Hochrisiko-MM basierend auf einem genomischen Profil, das künftig zunehmend über klassische ISS/R-ISS-Konstellationen hinausgehen dürfte. In der aktuellen Konsensus-Definition wird Hochrisiko in erster Linie durch bestimmte genetische Befunde im Knochenmark definiert. Vereinfacht dargestellt gilt:

Hochrisiko liegt vor, wenn mindestens eines vorliegt:

  • del(17p) bei >20% der untersuchten Plasmazellen
  • Biallelische del(1p32)
  • hoher β2-Mikroglobulin-Spiegel (≥ 5,5 mg/l) bei normalem Kreatinin (< 1,2 mg/dl)
  • TP53-Mutation ((ohne Mindest-Schwellenwert für die Variant Allele Frequency)
  • Oder zwei von diesen:
    • t(4;14) oder t(14;16) oder t(14;20)
    • Gewinn/Amplifikation von 1q
    • Monoallelische del(1p32)


Einen aktuellen Fachartikel (englisch) zu dieser neuen Einteilung findest du hier.

Es wurden zwei Studien vorgestellt, in denen das neue Modell „Consensus Genomic Staging“ überprüft wurde:
- Eine Gruppe aus Spanien hat untersucht, wie gut dieses Modell bei Menschen mit neu diagnostiziertem Myelom funktioniert. Abstract 922: "Validation of the High-Risk Consensus Genomic Staging System in Newly Diagnosed Multiple Myeloma"

- Eine zweite Gruppe aus Griechenland hat dasselbe Modell in einer Gruppe von 1209 Patient:innen getestet. Abstract 923:"Validation of the new IMS/IMWG consensus genomic staging (CGS) of high-risk multiple myeloma (HRMM) in a contemporary cohort of 1209 patients"

Beide Arbeiten zeigen: Das neue Staging-System kann Ärzt:innen helfen, das individuelle Risiko besser einzuschätzen und die Behandlung noch gezielter zu planen.

„Hochrisiko“ – ein sich entwickelndes Konzept

Ein häufig betonter Satz auf ASH 2025 war: „Die Definition des Hochrisikos beim Myelom entwickelt sich noch immer.“ Neue Daten zeigen, dass neben den bekannten FISH-basierten Aberrationen immer mehr Faktoren eine Rolle spielen. z.B.


Für uns Patient:innen bedeutet das: „Hochrisiko“ wird in Zukunft wahrscheinlich immer weniger nur durch ein einzelnes FISH-Ergebnis definiert, sondern durch ein ganzes Profil aus genetischen, MRD-basierten und klinischen Parametern. Diese feinere Einteilung könnte helfen, Therapien besser zu personalisieren und Rückfallrisiken genauer abzuschätzen.

Persönliche Erfahrung: Mein Weg durch die Risikostufen

Oft heißt es: Wenn jemand bei der Erstdiagnose als Hochrisiko-Patient:in eingestuft wird, bleibt diese Einschätzung lebenslang bestehen. Umgekehrt kann sich bei zunächst „standard risk“ im Verlauf durch neue genetische Veränderungen ein Hochrisiko-Profil entwickeln.

In meinem Fall verlief die Geschichte anders.

2019 habe ich die MM-Diagnose erhalten. Aufgrund von del(17p) und t(4;14) wurde ich damals klar dem Hochrisikoprofil zugeordnet. Die logische Konsequenz aus der damaligen Risikodefinition war eine Tandem-Stammzelltransplantation, obwohl ich bereits nach drei Zyklen der Induktionstherapie eine Remission erreicht hatte. MRD-Messung stand nicht zur Verfügung, und Quadruple-Therapie war noch nicht Standard. Dazu, ich erhielt statt einer VRd- eine VCd-Induktion, da die Kombination mit Lenalidomid (R) noch nicht von meiner Krankenkasse akzeptiert wurde.

Mit dem Wissen und den Therapieoptionen von heute würde ich in meiner damaligen Situation vermutlich eine Quadrupletherapie plus eine autologe Transplantation erhalten – und nicht VCD mit anschließender Tandem-ASCT.

Vor ein paar Jahren bin ich zum ersten Mal dem Konzept von „double-hit“ und „ultra-Hochrisiko“ begegnet, und nach diesen Kriterien hätte ich mich als ultra-Hochrisiko eingestuft, weil mehrere ungünstige Marker gleichzeitig vorlagen. Ein Vortrag, in dem für ultra-Hochrisiko-Patient:innen eine Überlebenszeit von nur 3–5 Jahren genannt wurde, hat mich damals erschreckt und überrascht – zumal zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre seit meiner Diagnose vergangen waren und ich „nur“ in der Zweitlinientherapie war.

Im Herbst 2024 habe ich während der IMS von einem neuen Risikomodell erfahren – nach diesem hätte ich „nur“ als Hochrisiko-MM eingestuft und nicht ultra-Hochrisiko. Kurz darauf zeigte die jüngste Konsensus-Definition sogar, dass ich formal in die Standardrisiko-Kategorie falle. Subjektiv sehen meine Ärztin und ich mich Momentan irgendwo zwischen Standard- und Hochrisiko.

Rückblickend stellt sich natürlich die Frage, ob die zweite Transplantation aus heutiger Sicht wirklich nötig gewesen wäre – gleichzeitig war sie damals eine konsequente Entscheidung auf Basis der zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Daten.

Diese Erfahrung zeigt: Eine Einstufung als „Hochrisiko“ heute muss nicht für immer gelten. Sie kann sich mit neuer Therapie, neuen Untersuchungen oder aktualisierten Kriterien im Lauf der Zeit verändern – sowohl in Richtung „höheres“ als auch „niedrigeres“ Risiko. Ein Beispiel: Wenn es eines Tages gezielte und sehr wirksame Therapien für z. B. t(4;14) gäbe, könnte dieser Marker möglicherweise seinen Stellenwert in der Risikostratifizierung verlieren.

Praktische Tipps: Risikostatus verstehen und dokumentieren

Damit du deine Risikostatus im Blick behältst – gerade wenn Ärzt:innen oder Kliniken wechseln – hilft eine gut gepflegte, vollständige Sammlung deiner Unterlagen.
Wichtige Dokumente sind zum Beispiel:

Diese Dokumentation macht sichtbar, wie sehr die individuelle Risikointerpretation von der aktuellen Evidenz abhängt und erleichtert es neuen Behandler:innen, deinen Weg zu verstehen.

Fazit:
Das Verständnis von „Hochrisiko“ im Multiplen Myelom ist kein fester Zustand, sondern eine fortlaufende Entwicklung – sowohl wissenschaftlich als auch persönlich. Für Patient:innen bedeutet das, sich aktiv einzubringen, Fragen zu stellen, die eigene Dokumentation zu pflegen und den Verlauf aufmerksam zu verfolgen. Wissen ist in der Myelomtherapie nicht nur Sicherheit, sondern ein wichtiger Baustein für gemeinsame, informierte Entscheidungen.